Rückblick 2009

Umgeben von Bier

Ein Bericht von Alwin Schneider.

Freitag 18:09 Uhr. Ich sitze im verspäteten Regionalexpress nach Riedlingen. Endlich kommt der Bahnhof in Sicht. Vom "Termolen Express Shuttle" werde ich abgeholt. Was ein Service. Scheint alles bestens organisiert. Wir sausen nach Zwiefalten, wo der Rest von unserer Gruppe sicher schon warten würde. Als wir eintreffen, sind noch nicht wirklich viele Alumni anwesend, aber es werden immer mehr. Brauereiführung steht auf dem Programm. Das scheint der Höhepunkt zu sein. Zumindest werden wir nie wieder an diesem Wochenende so viele Alumni zusammen sehen wie hier. Kaum eine Kleinigkeit gegessen geht’s auch schon los.

Im alten Gewölbekeller erfahren wir, wie hier in Zwiefalten gebraut wird. Und wir dürfen Biersorten testen! Alle 14 verschiedenen Sorten. Vom scheußlichen Spülwasserbier "Exclusiv" bis zum köstlichen Bügelflaschen-Gerstensaft "Abt Beda" können wir probieren soviel wir möchten.



Klar, dass wir fröhlich und positiv gestimmt, den Rundgang beginnen. Wir sehen leider nicht viel, denn Edelstahltanks, Förderanlage, Abfüllanlage - alles läuft fast automatisch. Gerade mal drei Personen werden für den eigentlichen Brauvorgang noch gebraucht. Die Maschinen füllen sich selbst, brauen das Bier selbst und sie putzen sich selbst. Dennoch war es nicht uninteressant, die ganze Technik und die verwirrenden Rohrsysteme zu verfolgen.



Und insbesondere die Männer regte es zu wilden Phantasien an. Ist auch nicht verwunderlich, wenn man sich vorstellt, gerade von etwa 420.000 Liter Bier umgeben zu sein. Und das nur in einem Raum. Ich glaube, dass alle zufrieden in ihre Unterkünfte zurückgekehrt sind.


Am Samstagmorgen standen drei - wieder einmal hochinteressante - Vorträge auf der Tagesordnung.

Der Titel des ersten Vortrags lautete "Kann Managed Care das Problem der Krankenversicherer lösen?" und eher mein Pflichtbewusstsein als Mitglied des Vorstandes, als wirkliches Interesse ließen mich gegen 9.00 im Wegscheiderhaus aufkreuzen. Doch sehr schnell merkte ich, dass es Herr Prof. Prill gelingen würde, dieses zunächst langweilig klingende Thema äußerst spannend und interessant werden zu lassen.

Zunächst stellte Herr Prof. Prill uns nochmals die Unterschiede zwischen der privaten und gesetzlichen Krankenversicherung dar. Mit dem Satz "Je besser das Gesundheitssystem, desto kränker sind die Menschen" weckte er schließlich die Neugierde aller. Was war damit gemeint? Verschiedenen Studien belegen, dass ein gut funktionierendes Gesundheitssystem es den Menschen erst ermöglicht, richtig alt zu werden. Je älter die Menschen werden, desto größer ist dann wieder die Chance, dass sie krank werden. Wobei zu berücksichtigen ist, dass gerade im Alter auch noch die chronischen Krankheiten stark zunehmen, so dass ein Mechanismus in gang gesetzt wird, denn Herr Prof. Prill treffend mit der Sage von Sisyphus verglich. Um uns anlässlich der verzweifelt erscheinenden Lage nicht verstört im Wegscheiderhaus sitzen zu lassen, stellte und Herr Prof. Prill nun eine Vielzahl von Möglichkeiten vor, wie man dieses Mechanismus zwar nicht aufhalten können jedoch verlangsamen werden wird. Ob nun die Einrichtung von Gesundheitszentren, die bessere Vernetzung von stationärer und ambulanter Behandlung oder die Einführung von neuen Abrechnungssystemen wie beispielsweise der Fallpauschale im Krankenhaus, ob die bessere Ausnutzung der Kapazitäten, die Spezialisierung oder die Einführung von Selbstbehalten. Herr Prof. Prill hätte uns gerne alle Möglichkeiten des Case Managements noch umfassender näher bringen wollen. Und sicher ist es dem einen oder der anderen auch so ergangen wie mir, dass wir uns dies gewünscht hätten, doch die Zeit enteilte und der nächste Referent stand bereits in den Startlöchern.

Manchmal ist es gut, einfach mal wo hinzugehen, wo man eigentlich gar nicht hin will - sonst hätte ich diesen klasse Vortrag verpasst!

Prof. Schempf, das Thema "Die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise" und der angekündigte persönliche Bezug versprachen einen weiteren fesselnden Vortrag. Herr Prof. Schempf erläuterte uns nochmals ganz ausführlich, wie es zu der aktuellen Krise überhaupt kommen konnte.

Da waren zunächst geplatzte Kredite, die den US-Immobilienmarkt belasteten. Weil "Sheriff-Präsident" Bush die Meinung vertreten hatte, dass jeder Amerikaner auf seiner "eigenen Scholle" wohnen sollte, waren tausende Kredite an Personen vergeben worden, die nach den normalen Richtlinien niemals als kreditwürdig angesehen worden wären. Besonders kritisch war dabei, dass als Sicherheiten bei der Kreditvergabe auch die möglichen Wertsteigerungen der Immobilien beim Weiterverkauf anerkannt wurden. Als die Preise nicht mehr stiegen, platzte das hochriskante Geschäftsmodell. Nun möge man meinen, dass dies ein inneramerikanisches Problem wäre, welches doch niemals solch eine Finanzkatastrophe hätte auslösen können. Doch leider waren die Kredite mit ihren Risiken über den Wertpapierhandel bereits in alle Welt verstreut worden. Niemand schien die Gefahr zu erkennen. Die Rating-Agenturen vergaben weiterhin beste Ratings an betroffene Firmen und Investoren, die Aufsichtsbehörden schliefen den Schlaf des Gerechten und die Notenbanken dachten zwar was zu hören, zögerten jedoch etwas zu tun. Am 15.09.08 ging mit der Insolvenz von Lehmann Brothers die erste richtige Bombe hoch. Die zweite explodierte kurz darauf, da die US-Regierung dieses Investmenthaus entgegen aller Erwartungen auch tatsächlich Pleite gehen ließ. Das System stürzte ein, wie ein Kartenhaus. Stück für Stück kam heraus, dass irgendwie alle beim Zocken mitgemacht hatten. Von Spekulanten bis zu städtischen Verkehrsbetrieben - alle. Die Notenbanken griffen mit Milliardenhilfen ein. Es nützte nicht viel. Die Staaten kaufen Bankanteile oder gar ganze Banken auf, um Schlimmeres zu verhindern. Milliarden wurden dabei versenkt. Ob es nützlich war und ist - Herr Prof. Schempf äußerte hier seine Zweifel. Er prangerte insbesondere die Abwrackprämie und die Rentengarantien als Fehlentscheidungen an. Es scheinen "wahltaktische Entscheidungen" zu sein.

Für jeden einzelnen von uns prognostizierte er weiter wachsende Arbeitslosigkeit, Rückgang des Realeinkommens und Stagflation der Wirtschaft und des Wohlstandes. Aber er machte und am Ende auch wieder Mut. "Die Risiken, die vorher verharmlost wurden, werden nun überzeichnet, so seine Kernaussage zu diesem Punkt. Anhand von zahlreichen Schaubildern zeigte er uns, dass sich die Wirtschaft bereits auf Erholungskurs befindet, dass sich die Märkte erholt haben und dass jeder von uns etwas dazu beitragen kann, dass die Krise überwunden wird. Mit einer richtigen Einstellung zu Arbeit, Geld und Politik.

Manchmal ist es gut, einfach mal anzupacken, anstatt im Selbstmitleid zu versinken - dieser hervorragende Vortrag machte Mut dazu.


Expertendiskussion



Eine bessere Überleitung zum letzten Thema "Solarenergie und solares Bauen" - vorgetragen vom Sektionsvorsitzender Südwürttemberg der Deutschen Gesellschaft für Solarenergie e.V. Herrn Speiser hätte es kaum geben können. Wir wissen nun, worin der Unterschied zwischen Flach- und Röhrenkollektoren besteht, dass man seine Anlage anders konzipieren muss, wenn man statt reiner Brauchwassererwärmung auch noch eine Heizunterstützung möchte. Wir kennen den optimalen Dachneigungswinkel und wissen den Grund, warum in Deutschland extra Gebäude errichtet werden, um auf deren Dächern Solarmodule zu installieren, obwohl man sie auch auf den Boden hätte montieren können. Herr Speiser gelang es, uns nicht mit technischen Details zu langweilen, sondern an Hand von vielen Beispielen die Vielfalt und den Fortschritt im Bereich Solar näher zu bringen. Und er machte uns klar, dass man heute zwar nicht mehr als "Spinner" abgetan wird, wenn man sich für Solarenergie entscheidet, dass aber Idealismus immer ein Stück weit beim Bau einer Solaranlage dazugehören muss. Denn neben den rein monetären Aspekten gibt es auch noch die ideologische Bedeutung der Solarenergie. Und diese hat - hier kann ich Herrn Speiser uneingeschränkt zustimmen - eine sicherlich ebenso große Bedeutung.

Doch Herr Speiser kam nicht alleine. Er hatte uns noch Frau Kittel mitgebracht. Freie Architektin und Energieberaterin. Auch wenn Sie uns das "schrecklich langweilige Thema Energieausweis" näher bringen sollte - langweilig wurde uns nicht. Nein, wir hätten Frau Kittel sicher noch mit hunderten weiterer Fragen bombardiert, wenn ggnicht der Klosterführer von Zwiefalten bereits auf uns gewartet hätte. Doch wir erfuhren, dass Ausweis nicht gleich Ausweis ist, dass bei Neubauten bereits 15% der Energie aus regenerativen Formen erzeugt werden muss und dass es BAFA und DENA Gütesiegel gibt. Was sie bedeuten? Die dabei waren wissen es. Zum Schluss spannte Frau Kittel noch einen Bogen zur Verantwortung der jetzigen Generationen gegenüber den kommenden. Solarenergie hilft die Natur und Umwelt zu schützen und gibt uns allen dadurch eine höhere Lebensqualität.

Manchmal ist es gut Veränderungen anzustoßen - viele gute Gedanken bekamen wir von den beiden versierten Referenten mit auf den Weg.

Und dann waren wir wieder beim Ausgangspunkt: Sollte man nicht die Solarenergie als weiteres Instrument des Case Managements sehen? Vielleicht klärt diese These einmal eine Riedlinger Abschlussarbeit...

Ortswechsel - Themenwechsel
Klosterkirche Zwiefalten. Prunkbau und einfache Bildersprache, Gewaltigkeit des Gebäudes und Detailverliebtheit der Kunstwerke, Tuffstein und Gold, Reichtum und Mönchsleben. Ohne unseren Führer wären wir sicher verloren gewesen.



Doch dessen unglaubliches Wissen, sein Geschick an Hand von einigen ausgewählten Einzelstücken das Ganze zu erklären uns seine vielen kleinen Anekdoten führen uns durch das Gewirr biblischer Geschichten und religiöser Symbolik. Und das immer mit einer Prise Humor – in der Tradition der alten Klostermaler und Freskenschnitzer. Man denke nur an die beiden Holzbilder „Jesu Geburt vor der Kulisse Riedlingens“ oder seine Flucht durch die Zwiefaltener Schlucht. Auch für die Führung gilt, was schon bei den Vorträgen galt: Wir überzogen nur deswegen den Zeitplan, weil es so interessant war.



Vom Prunk der Kirche erschlagen, machten sich die meisten entweder auf den Heimweg oder per Auto zur Wimsener Höhle (die „Eingeweihten“ kennen den Fehler) und vertrieben sich die Zeit mit Kaffe trinken und Eis essen. Michael und ich beschlossen als einzige, die Strecke zu Fuß zu überwinden. Wir wurden mit wunderschöner Landschaft belohnt.







Durch das enge Tal ging es in einer guten halben Stunde direkt nach Wimsen.



Zusammen fuhr der „letzte Rest tapferer Alumni“ dann in die Wimsener Höhle ein. Noch mal ein spannendes Erlebnis am frühen Abend. Wir fuhren, da die Wimsener Höhle nur mit dem Kahn zu besuchen ist. Dabei ist das Wasser 8°C kalt, kristallklar und sprudelte mit 650l/sek aus dem Berg.


Zum Schluss ein gutes Mahl...



Amaranth, Weißweinsoße, drei Schnäpse, eine halbe Zitrone mit buntem Pfeffer und ein gequetschtes Handytelefonat – das sind Lachtränen in die Augen jagenden Schlagworte für alle die dabei waren. Für all die anderen kann ich hier nur sagen: Pech gehabt. Kommt halt das nächste Mal mit.

Dann klang das Alumnitreffen in Riedlingen aus…


Sonntag, 13.20 Uhr - Ich sitze im Zug nach Ulm. Bin zufrieden. Es war Klasse!